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Herr Peteranderl, ein großer Teil Ihrer bisherigen Amtszeit ist mit Bundestagswahlen und Regierungsbildung vergangen. Was sagen Sie zur Neuauflage von Schwarz-Rot?

Franz-Xaver Peteranderl: Eine Jamaika-Koalition wäre vermutlich handwerksfreundlicher gewesen. Dabei wäre sicher der ein oder andere neue Gedanke in die Politik eingeflossen. Grundsätzlich ist es aber nicht entscheidend, wer mit wem regiert. Wichtig ist, dass wir eine stabile Regierung haben, mit der unsere Handwerksbetriebe planen können. Wir brauchen verbindliche Entscheidungen, zum Beispiel zur Erneuerbare-Energien-Umlage oder zum Diesel.

 

Wirkt sich die politische Ungewissheit auf die Umsätze aus?

Nein, da spüren wir wenig. Wir haben eine gute Auftragslage, die einiges überdeckt. Das bayerische Handwerk hat 2017 eine Umsatzsteigerung von nominal 4,5 Prozent verzeichnet, die Auftragsbücher sind auf zwei Monate im Voraus voll.

 

Spürt das Handwerk etwas von einem Rechts-trend, wie er sich im Wahlverhalten gezeigt hat? 

Zum Glück überhaupt nicht. Das bayerische Handwerk ist so weltoffen wie die bayerische Bevölkerung. Unsere Betriebe haben ja viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. Die Meister haben heute Azubis aus Syrien, aus Japan … Und was die Kunden betrifft: Dass jemand einen bestimmten Handwerker anfordert, weil er von hier ist, oder weil er zum Beispiel türkische Wurzeln hat, das kommt immer mal wieder vor. Das hat aber nichts mit dem politischen Klima zu tun.

 

Bleiben wir bei den Azubis: Vor zwei Jahren haben Wirtschaft und Politik die 3+2-Regel beschlossen, nach der Asylbewerber, die eine Lehre anfangen, auf jeden Fall bis zu deren Ende bleiben dürfen und wenn der Ausbildungsbetrieb sie beschäftigt, noch für zwei weitere Jahre. Wird das zuverlässig praktiziert?

Ja, für anerkannte Asylbewerber gilt, dass die Betriebe, sobald sie eine Zusage vom Landratsamt für den jeweiligen Bewerber haben, sich darauf verlassen können, dass er nicht abgeschoben wird. Die Ausbildung kann regulär beendet werden und der künftige Geselle anschließend in demselben Betrieb arbeiten. Das hat uns Innenminister Herrmann versprochen. Wenn es in Einzelfällen Abweichungen gibt, etwa bei geduldeten Asylbewerbern, können sich die betroffenen Betriebe bei den Handwerkskammern melden. Wir versuchen dann zu vermitteln.

 

In manchen Branchen gibt es einen erheblichen Mangel an Auszubildenden. Welche Berufe haben das größte Imageproblem?

Das Lebensmittelhandwerk könnte gut mehr Verkäufer und Verkäuferinnen brauchen. Bei den Metzgerlehrlingen hatten wir allerdings zuletzt ein deutliches Plus. Das zeigt: Es ist nicht primär eine Frage des Images, sondern des Bemühens um den Nachwuchs. Natürlich ist der Bewerbermangel ein grundsätzliches Problem. Wir brauchen dringend Maler-, Maurer- oder Anlagenmechaniker-Auszubildende. Wenn diese Lehrstellen frei bleiben, kann das gravierende Folgen haben. In zehn bis 15 Jahren gehen 17 Prozent der Bauhandwerker in Ruhestand, es rücken über die Ausbildung derzeit aber nur fünf Prozent nach. Diese Lücke müssen wir schließen, zum Beispiel durch Zuwanderung oder indem man vorhandene Mitarbeiter weiter qualifiziert. Dessen muss man sich bewusst sein.

 

Wie machen Sie jungen Leuten eine Handwerkerausbildung schmackhaft?

Das Handwerk hat klar umrissene Berufsbilder. Die Lehrinhalte sind einheitlich. Der Einzelne kann daraus hinterher eine Menge machen, die Gesellen können nach der Lehre in jedem Betrieb aus diesem Gewerk arbeiten. Viele Hochschulstudiengänge dagegen sind oft so eigenwillig oder spezifisch definiert, dass weder der Student noch seine Eltern genau wissen, in welchem Unternehmen er mit seinem Abschluss eigentlich eine Stelle antreten kann. Deshalb gibt es auch viele Studienabbrecher. Eine duale Ausbildung eröffnet einfach bessere Chancen in der Wirtschaft. Die Meisterprüfung ist heute viel schneller möglich als früher, und studieren kann man hinterher immer noch. Die Ausbildung ist ein Fundament, auf dem alles aufbaut. Deshalb liegt mir unsere Kampagne „Elternstolz“ auch so am Herzen. Auf eine Ausbildung kann man stolz sein!

 

Vielen Bewerbern bleibt der Traumberuf verwehrt, weil ein Hauptschulabschluss heute nicht mehr ausreicht…

Tatsächlich haben heute nur noch gut die Hälfte der bayerischen Lehrlinge einen Haupt- oder Mittelschulabschluss. Stattdessen ist der Anteil der Realschulabsolventen von circa 20 Prozent auf rund ein Drittel gestiegen. Das liegt aber nicht daran, dass der Mittelschulabschluss nichts mehr wert ist. Die Betriebe bemängeln vielmehr, dass manche Bewerber nicht die sozialen Kompetenzen oder das handwerkliche Geschick für eine Lehre besitzen. Die Jugendlichen sollten schon in der Lage sein, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen und motiviert ihre Aufgaben zu erfüllen.

 

Was ist Ihr wichtigstes Projekt in diesem Jahr?

Es gibt mehrere. Thema Diesel: Unsere Handwerker müssen ihre Kunden auch weiterhin in den Innenstädten erreichen und versorgen können! Fast ein Drittel aller oberbayerischen Betriebe wären in ihrer Existenz bedroht, wenn sie ihre Dieselfahrzeuge nicht mehr nutzen dürften. Darüber hinaus hat das bayerische Wirtschaftsministerium 2018 zum „Jahr der Unternehmensnachfolge“ ausgerufen. Wir wollen mehr junge Meister ermutigen, in bestehende Betriebe einzusteigen, anstatt neue zu gründen. In den nächsten Jahren werden sich 23.000 Handwerksbetriebe in Bayern mit dem Thema Betriebsnachfolge beschäftigen. Die Betriebsberater der Handwerkskammern helfen ihnen dabei und vermitteln gegebenenfalls zwischen Inhabern und möglichen Nachfolgern.

 

Was erwarten Sie von der Internationalen Handwerksmesse?

Im Spitzengespräch der Deutschen Wirtschaft möchte ich Bundeskanzlerin Merkel einige wichtige Dinge nahebringen. Die Autoindustrie muss dafür sorgen, dass Dieselfahrzeuge, die sie als sauber verkauft, das auch wirklich sind – und nicht plötzlich umgerüstet werden müssen! Und wenn doch, müssen die Hersteller die Kosten dafür alleine tragen.

 

Herr Peteranderl, vielen Dank für das Gespräch.

            

             Interview: Isabel Winklbauer

„Auf eine   Ausbildung kann man
stolz sein!“

 

Franz-Xaver Peteranderl,  Präsident der Handwerkskammer  München und Oberbayern,   setzt alle Hebel für den  Nachwuchs in Bewegung –  und will Angela Merkel  in Sachen Diesel sprechen